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Diagnose Therapie Informationen aus der Industrie

Anästhesiologie & Intensivmedizin

Pilzvergiftungen: Diagnose

Satanspilz

Wirkungsweise:

Akute Reizung des Magen-Darm-Traktes (Toxin und genauer Wirkungs-mechanismus unbekannt)

Vergiftungsmodus:
akzidentell (Verwechslung mit Steinpilz)
Symptome:

Kurze Zeit nach dem Genuss Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoen, Exsikkose, Schock. Todesfälle nur bei Patienten mit vorgeschädigtem Kreislaufsystem

Fliegen- und Pantherpilz

Wirkungsweise:

Intoxikation durch pilzeigene Alkaloide: Muskarin (Acetylcholin-ähnlich) und Muskaridin (Atropin-ähnlich)

Vergiftungsmodus:

akzidentell (Verwechslung mit Perl-Pilz)

Symptome:

1-4 Stunden nach Genuss der Pilze leichte gastroenteritische Zeichen und massive nervöse Reizerscheinungen: Speichelfluss, Bradykardie, Bronchospasmen, Rauschzustand, psychomotorische Unruhe, optische und akustische Halluzinationen. Todesfälle (selten, bei massiver Zufuhr) durch zentrale Atemlähmung

Knollenblätterpilz

(Knollenblätterpilzvergiftung; Phalloides-Syndrom)

Wirkungsweise:

Pilzeigene Alkaloide (Amanitin, Phalloidin) verursachen erhebliche gastrointestinale Reizerscheinungen und akutes Leberversagen ("akute gelbe Leberdystrophie") mit dem Endstadium des Leberzerfallskomas; akutes Nierenversagen ("akute Tubulusnekrosen") durch direkte Nephrotoxizität oder sekundär infolge von Wasser- und Elektrolytverlusten mit Exsikkose

Vergiftungsmodus:

akzidentell (Verwechslung mit Feldchampignon)

Nachweis:

Pilzspezifische Alkaloide im Blut durch Radioimmunoassay oder Hochleistungs-Flüssigkeits-Chromatographie. Gewinnung von Pilzresten bzw. Sporenanalyse im Magensaft und Stuhl. "Zeitungspapiertest": Pilzstück mit Schnittstelle auf saugfähiges Papier (z.B. Zeitungspapier) aufdrücken. Abklatschstelle mit ca. 6 ml 20%iger Salzsäure beträufeln. Bei Amanita Blaufärbung innerhalb von 10 Min.

Symptome:

8-24 Stunden nach Pilzgenuss akutes Einsetzen von Übelkeit, Leibschmerzen, Erbrechen, profusen Diarrhoen (Cholera-ähnliches Bild); nach 2-3 Tagen Zeichen zunehmender Leberschädigung: Ikterus, hämorrhagische Diathese (Verminderung des Prothrombin-Komplexes, Faktor II, V, IX und X), Aszites (begünstigt durch Albuminsynthese-Störung), zentralnervöse Erscheinungen (zunehmende Bewusstlosigkeit, Flatter-Tremor, Delir, Krämpfe)
Serochemische Hinweise für besonders massiven Zellzerfall: Abnahme der Fraktion der Cholesterin-Ester ("Ester-Sturz"), des Fibrinogens und vorher erhöhter Transaminasen
Zeichen des akuten Nierenversagens: Oligo-Anurie, Anstieg der harnpflichtigen Substanzen

Prognose:

Abhängig von der zugeführten Menge (schon ein Pilzhut kann tödlich sein). Bei Leberzerfallskoma Letalität trotz Therapie ca. 80%

Ziegelroter Risspilz
(Inocybe lateraria u. a. Arten):

Wirksames Toxin wahrscheinlich muskarinähnlich ("Vagusreizung")

Vergiftungsmodus:

Meist akzidentell, Verwechslung mit Champignons oder Ritterlingen

Symptome:

Salivation, Hyperhidrosis, Miosis (Fliegenpilz: Mydriasis!), Bradykardie, Benommenheit bis Koma, final Schock und Lungenödem

Riesen-Rötling
(Rhodophyllus lividus)

Toxin unbekannt

Vergiftungsmodus:

meist akzidentell, Verwechslung mit Ritterlingen

Symptome:

akute Gastroenteritis 1-2 Std. nach Aufnahme

Frühjahrslorchel
(Helvella esculenta)

Wirksames Toxin wahrscheinlich Gyrometrin (N-Methyl-N-formyl-hydrazin)

Vergiftungsmodus:

meist akzidentell, Verwechslung mit Speisemorchel

Symptome:

Sehr unterschiedlich intensiv je nach Standort des Pilzes, Zubereitungsart, individueller Disposition. Im Einzelfall ohne Beschwerden vertragen, in leichteren Vergiftungsfällen gastroenteritisches Bild, in schweren Fällen wie Knollenblätterpilzvergiftung

Sonderformen von Pilzvergiftungen

  • Unverträglichkeit mit Alkohol: Genuss von Tintlingen (Gattung Coprinus) zusammen mit Alkohol führt nach kurzer Zeit zu Übelkeit, Erbrechen, starker Gesichtsrötung, Schweißausbruch, Kopfschmerzen, Tachykardie, evtl. Kollaps. Wahrscheinlich Blockierung des Alkoholabbaus auf der Stufe des Acetaldehyds durch einen pilzeigenen Stoff von Zyklopropanstruktur (Coprin) wie durch "Antabus"
  • Ähnliche, wenn auch nicht konstante, Sofortreaktionen mit Alkohol auch bei anderen Pilzen (z.B. Morcheln), also: "Kein Pils zu Pilz!"
  • Akute Hämolyse mit Verbrauchskoagulopathie und Nierenversagen durch Sensibilisierung gegen Pilzeiweiß des Kahlen Kremplings (Paxillus involutus) bei prädisponierten Personen; selten, aber mit hoher Letalität. Evtl. beruht auch die hämolytische Anämie bei der Lorchelvergiftung auf diesem Mechanismus
Pilze als Rauschdrogen
  • Arten der Gattung Inocybe und Psilocybe bei mittelamerikanischen Völkern (Mayas, Azteken, heutigen Indios im mexikanischen Hochland) und Außenseitern der Drogenszene; Pilz Teonanacatl "Fleisch der Götter" Wirksubstanz u.a. das Psilocybin, als Indolderivat chemisch verwandt mit den Halluzinogenen Meskalin und LSD
  • Fliegenpilz (Amanita muscaria) als Droge des heiligen Rausches der Schamanen, als Dopingmittel der Berserker (einer Spezialtruppe der Wikinger) und wahrscheinlich Bestandteil des "Hexentrankes"
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Letztes Update:2 März, 2009 - 12:10